Auszug aus dem Roman "Schatzsucher"

Der Lenz ist da

Schutzumschlag von SCHATZSUCHER
Der Melker Weigand war zu Besuch bei seiner Tochter gewesen. Heimkehrend warf er einen Blick in den Stall. Dort sah er zwei Männer, Ramm und Eisenkolb, mitein­ander im Gespräch. Sofort schloß er die Stalltür wieder und ging zu seiner Wohnung.
Vor der Haustür prallte er auf einen Mann, der sich ihm als Friedrich Lenz vorstellte. "Sie sind doch Herr Weigand, wenn ich nicht irre?" fragte er und fügte hinzu: "Da habe ich wohl Glück gehabt. Ich wollte schon wieder weggehen. Ich bin nämlich aus Langsbach."
So begann dieses Gespräch, und einige Zeit später sagte der Melker: "Sie wissen wohl nicht, was sie von mir verlangen, Herr. Ich habe hier die Herde uffgebaut. Von früh um dreie bis spät abends habe ich tagtäglich daran gearbeitet. An so was hängt man, Sie. Außerdem hat für mich alles keinen Zweck mehr. Sie haben mir im Spital meine Tochter verhunzt."

Eisenkolb traf Ramm im Stall. Der war gerade dabei, Sägespäne auszustreuen. "Was soll's denn werden?" fragte der In­strukteur. Seit einiger Zeit war das Interesse für Kuhställe in ihm erwacht.
"'ne Bakterienfalle." Ramm bemerkte nicht ohne Befriedigung das verdutzte Gesicht seines Besuchers. Er zog seinen "Genos­sen­schafts­bauern" aus der Tasche und erläuterte Eisenkolb an­hand einer selbst­gefertigten Skizze, wie der Bazillus Bang an den Füßen der Pfleger von den Stallgängen in die Futter­gänge gelangt. "Wohin du auch gehst, immer mußt du hier den Ver­bindungs­gang betreten", erklärte Ramm. "Jetzt streue ich hier Säge­späne und bespritze sie mit einer Desinfektionslösung." Eisenkolb nickte anerkennend. "Ich will dir noch zu deinem schnellen Erfolg gratulieren, Heinrich."
"Zu welchem Erfolg denn?"
"Nun, zu dem schnellen Durchbruch unseres Prinzips 'Jedem nach seiner Leistung', den du errungen hast."
"Nennst du das einen Erfolg?"
Eisenkolb stieß den Genossen in die Seite. "Mensch, Heinrich, tu nicht so. Hast dich eines unserer wichtigsten Erziehungs­mittel bedient, wie ein erfahrener Praktiker." Ramm schüttelte betrübt den Kopf. "Weißt du, warum ich das getan habe? Weil ich mir von diesem 'Menschen' nicht die Haut abziehen lassen will. Weil es mich ankotzt, zu sehen, wie ein 'Mensch' mangels äußerer Ziehmittel an sich selbst ver­reckt."
Eisenkolb sträubte sich das Haar. "Sag mal, verachtest du die Menschen?" fragte er interessiert.
Ramm schüttelte den Kopf. "Menschen kann man nicht ver­achten, nur sehe ich hier keine." Er griff sich an die Stirn und schüttelte den Kopf. "Seit ich von der Bahn weg bin, wird das immer schlimmer mit mir." Er kniff die Lippen zusammen und sah betreten zur Seite.
"Ja, aber dann bist du doch gar kein Kommunist, Heinrich!"
"Ich?" fragte Ramm verwundert und seine Miene verdüsterte sich. "Ja, bist du denn einer? Erziehst die Menschen mit 'Mitteln', bringst Prinzipien zur Anwendung, läßt Gesetz­mäßig­keiten wirken, wie in der unbelebten Natur. Und welche Ein­stellung erreichst du dabei? Ohne Preis kein Fleiß! Wir stellen alles auf den Kopf. Jaja, ich bediene mich auch dieser Mittel, aber ich kann's eben nicht, ohne dabei den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Denn was ist das? Dressur, nichts wei­ter. Ich mache meine Stalltür auf, und schon tropft meinen Kühen der Speichel aus dem Maul. Sie wissen, daß sie was zu fressen kriegen. So ist das."
Eisenkolb schielte nachdenklich zur Stall­decke. Endlich sagte: "Du vergißt, was vorher war. Der Kapitalismus hat die Menschen verdorben. Sie wissen doch meistens nicht, was sie tun.“
Ramm erhob sich ächzend und trat ans Stall­fenster. Dort lag in der Fenster­nische seine Brottasche. Er entnahm ihr einen ge­wöhnlichen Skizzen­block. "Du hast gut reden, denn du malst nicht", sagte er vorwurfs­voll. Er zeigte dem Instrukteur ein paar flüchtig hingeworfene Studien von Gesichtern, wie sie um die Mittags­zeit vor seinem Stall­fenster auf­tauchten.
"Solange man sie nicht zeichnen muß, mag man sich mit Argu­menten zufrieden geben. Aber sieh selbst, wenn das Menschen sind, warum machen sie dann alle solche Gesichter? Warum sitzt ihnen dann allen etwas in den Augen, in den Mund­win­keln, über der Nase, ums Kinn, wogegen sich mein Bleistift sträubt? Warum dann dieses Arge, Listige, Verschlagene, Hä­mische, Höhnische, Fade, Freche, Dumme, Brutale, Gemeine, Erlogene, Gierige und Lauernde in den Gesichtern?" Ramm atmete heftig. Seine Stimme klang verzweifelt. "Ich höre das Wort, ich habe den Klang im Ohr: Mensch, das klingt so stolz, edel, klug, großmütig, hochherzig, stark und gut. Und dann mache ich die Augen auf – geh, Hans, was kniest du an­dauernd auf mir herum. Was willst du überhaupt von mir?"


Ernst Pflock hatte sowohl Eisenkolb bei Ramm im Stall als auch Lenz bei Weigand in der Wohnung verschwinden sehen. Er folgte seinem Gefühl und blieb vor Weigands Wohnungstür stehen. Dort bemühte er sich, eine Zigarette anzurauchen. Das Feuerzeug wollte und wollte nicht zünden.
Während er sich damit herumschlug, vernahm er die Stimme des Langsbacher Vorsitzenden. "Gewiß", hörte Pflock ihn sagen, "welch ein Melker trennt sich gern von seiner Herde, die er aufgebaut hat. Und noch dazu das Unglück mit der Tochter." "Gehen wir in die Stube", unterbrach ihn Weigand.
Pflock stapfte ärgerlich weiter.
Im LPG-Büro angekommen, sagte er zum Buchhalter: "Ich habe was läuten hören. In Langsbach wollen sie das Vieh ver­genossen­schaftlichen."
Salinski arbeitete an irgendeiner Tabelle, denn er benutzte den Tabulator seiner Schreibmaschine. Es gab immer nur wenige Anschläge. "Hab auch davon gehört", brummte er.
"Kannst du nicht einen Augenblick mit dem Geklapper ein­halten? Die haben doch gar keinen Stall."
"Ich hab zu tun", antwortete Salinski unwillig.
"Hast du nichts Näheres gehört?" bohrte Pflock weiter.
"Es heißt, sie wollen die untere Etage des Herren­hauses als Kuhstall ausbauen."
Pflock, der eben an seiner Zigarette saugen wollte, ließ das sein. Entgeistert schaute er Salinski an. "Ich werd verrückt", stieß er hervor. "Mann, die ist doch unterkellert! Und eine Freitreppe führt auch vorne rauf."
Salinski hob die Schultern. Seine Maschine klackerte.
Mit den Worten: "Wir haben doch nicht mehr Anno sechsund­vierzig!" stürmte Pflock heraus. Er raste mit dem Motorrad ins Dorf und drang beim Bürgermeister ein.
"Der Lenz ist da!" rief er schon in der Tür.
Bürgermeister Dörfler griff ihm an den Kopf und stellte fest: "Die Temperatur ist aber normal."
"Der Lenz aus Langsbach ist da, er ist bei meinem Melker", wiederholte der Vorsitzende kurzatmig, als habe er die Strecke vom Genossen­schafts­hof bis ins Dorf zu Fuß durcheilt. "In Langsbach wollen sie das Vieh vergenossen­schaftlichen, weißt du das?"
Dörfler nickte gelassen.
"Und du hast mir nichts davon gesagt? Und du schlägst nicht dazwischen?"
"Ich weiß gar nicht, was du willst. Das Gutshaus gehört der Genossenschaft, nicht der Gemeinde." Dörfler nickte zufrieden. "Jaja, Ernst. So stirbt der Staat ab. Man merkt das erst, wenn man eine Sorge weniger hat."
"Und wenn die Unfug machen?"
Dörfler hob überlegen die Schultern. "Über das Aussehen ihres Dorfes bestimmt die Genossenschaft, Ernstel."
Pflock betupfte sich mit dem Taschentuch die Stirn. Dann schrie er unbeherrscht auf: "Weißt du, was los ist? Sie sind drauf und dran, mir meinen Melker abzuwerben."
Dörfler machte eine abwehrende Geste.
Pflock brüllte weiter: "Was, zum Donnerwetter, ist denn in euch gefahren? Denkt ihr denn, ich weiß nicht, was gespielt wird? Alles tanzt um Langsbach wie ums goldene Kalb. Was wird aus der zentralen Gemeinde Kurzbach? Wo ist der Per­spektivplan? Ich will ihn sehen! Wo sucht denn der Gemeinde­rat seine Kräfte? Was nimmst du denn für einen Einfluß auf Kurzbacher Ratsmitglieder? Das sind doch alles Einzel­bauern. Die lassen sich auf einmal von der Langsbacher Min­derheit glatt überfahren. Die sind imstande und verschieben das politische Schwergewicht nach Langsbach, nur, um noch eine Weile Ruhe zu haben vor der Entwicklung."
Pflock holte gewaltig Luft und änderte die Tonart. "Dörfler, ich kenne mich nicht mehr aus", sagte er schwach. "Vor noch nicht einem Jahr wurde unsere Genossenschaft als ein Zentrum der Entwicklung im Kreis angesehen. Wo sind wir auf einmal hingekommen? Dabei geht es doch voran! Sollen wir zusehen, wie uns sogar die Langsbacher, die wir aus den Windeln ge­hoben haben, in den Sack stecken? Jetzt werben sie bereits um unsere Melker!"
Pflock zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Er schlug mit der kurzen fleischigen Hand auf die Tischplatte und fragte resolut: "Also, wie ist die Perspektive? Oder wird hier alles dem Selbstlauf überlassen? Ich beantrage zu diesem Thema eine Ratssitzung! Als Vorsitzender des größten Produktions­betriebes der Gemeinde verlange ich, zu dieser Frage gehört zu werden."
Der Bürgermeister, ein Mann in mittleren Jahren, mittelgroß, mittelblond, unauffällig, konnte schon auf eine beachtliche Zahl Amtsperioden zurückblicken. Noch nie war er vom Kreisrat ge­rügt, noch nie belobigt worden. In sämtlichen Tabellen des Kreises war seine Gemeinde auf einem der mittleren Plätze zu finden. Nie war seine Amtstätigkeit durch größere Erschütte­rungen gefährdet worden. Bis auf die jüngste Zeit. Nachdem Heinrich Ramm die Genossenschaft gegründet hatte und diese nicht so recht vorankommen wollte, hatte er den unklugen Ge­danken gehabt, zum erstenmal stärker für eine der verschiede­nen im Umlauf befindlichen Theorien zu fechten. Er war für die Wiederauflösung der wirtschaftsschwachen Genossenschaf­ten eingetreten, eine Erwägung, die in jener Zeit ja häufiger auftauchte. Die Sache war natürlich schiefgegangen. Eisenkolb hatte ihn, den Unauffälligen, ins Rampenlicht einer öffentlichen Parteiversammlung gerückt.
Seitdem fühlte sich Dörfler nicht mehr behaglich in seinem Gemeindestuhl. Er merkte, wie ihm etwas über den Kopf wuchs. Er wurde das Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe nicht mehr los. Pflocks Vorhersage eines Zustandes, wo es gar keine Einzelbauern mehr geben würde, konnte sein Geist nicht fassen. Nun wurde in Langsbach schon der Anfang gemacht. Dörfler bekam es mit der Angst zu tun. Wenn schon Bewegun­gen größeren Ausmaßes nicht zu vermeiden waren, sollte man doch alles versuchen, sie in Grenzen zu halten oder, wie in diesem Falle, zu teilen. Da in Friedrich Lenz ein zielstrebiger Mann wiedererstanden war und Dörfler sich an dessen frühere Aktivität in dieser Richtung erinnerte, schien ihm die Gelegen­heit günstig, den ganzen Ortsteil Langsbach von der Zentral­gemeinde abzustoßen und somit ein Maximum an möglicher Ruhe zu gewinnen.
Deshalb zog er bei Pflocks Forderungen eine recht säuerliche Miene. Doch plötzlich erlebte er, wonach ihn Eisenkolb einmal gefragt hatte. In seinem Kopf ging die Geburt einer Idee vor sich. Dörfler war sich dieses Vorgangs vollauf bewußt und hielt sogar, den Blick leicht nach innen gekehrt, einen Augenblick lang den Atem an.
Einen Perspektivplan wollte er also haben, der Pflock. Gut, er sollte ihn bekommen. Aber der Perspektivplan, den er vorlegen und vom Gemeinderat beschließen lassen wird, noch ehe Pflock es sich träumen läßt, wird die Gemeinde Langsbach nicht mehr in seinem Kalkül haben. Dörfler war sich seines Planes fast sicher. Die Langsbacher wie auch die Einzelbauern von Kurz­bach, im Rat ohnehin die Mehrzahl, würden dafür stimmen.
In dieser kurzen Besinnungspause gewann Pflock seine Beherr­schung zurück. Sein ganzes Wesen war abwartend, fast nüch­tern; wenn schon einmal das Gefühl mit ihm durchging, schämte er sich hinterher.
Jetzt ballte er seine kurzen, dicken Finger zu einer nicht unbe­achtlichen Faust und diktierte: "Der Schwerpunkt bleibt in Kurzbach. Die ganze Genossenschaft Langsbach wird eine selb­ständige Brigade von uns."
Er streckte seine Beine unterm Bürgermeistertisch aus. "Wir bauen ein Rinder­zucht­kombinat. Wir bauen es den Langs­bachern direkt vor die Nase - auf dem Land des Republik­flüchtigen Fröhlich." Er lachte kurz auf. "Das dachte ich mir nämlich damals schon, als sie mir die Parzelle abschwatzen wollten. Wenn der Stall fertig sein wird, können sie das Land samt den Gebäuden haben. Sie brauchen bloß einzuziehen, mit ihrer und unserer Herde. Dann ist die Rinder­zucht konzentriert, und wir sind diese Sorgen ein für allemal los." Jetzt landete die Faust auf dem Tisch. "Zum Teufel mit seinem Guts­haus! Mag sich Lenz das einsauen, aber beim Neubau wird nicht gekleckert." Er beugte sich vor und sah Dörfler ins Gesicht. "In kür­zester Frist will ich den Perspektiv­plan sehen. Eben habe ich meine Vorschläge dazu skizziert. Wir wollen den Kurzbacher Rats­herren ein Licht aufstecken, damit sie erkennen, wo die Zukunft der Gemeinde liegt."
Pflock zog die Beine unterm Tisch hervor und stand auf. "Und jetzt werde ich Friedemann Lenz Bescheid stoßen."
Lenz war jedoch schon fertig. Weigand fütterte neben Ramm friedlich seine Kühe.
Eine Weile stand der Vorsitzende unschlüssig da und sah den beiden Männern bei ihrer Arbeit zu. Weigand schaffte ohne jede Hast. Ramm dagegen schwitzte. Er trug das Futter in einem großen Korb zu den Tieren. Vorsichtig, um keine Kuh zu verletzen, ließ er den Korb herunter und verteilte den Inhalt geduldig an die schnaubenden und stoßenden Kühe, ohne ein eiziges Mal zu schreien.
Pflock entfernte sich langsam und rieb sich bedächtig das Genick.

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