Auszug aus dem Roman "Schatzsucher"
Der Lenz ist da

Vor der Haustür prallte er auf einen Mann, der sich ihm als Friedrich Lenz vorstellte. "Sie sind doch Herr Weigand, wenn ich nicht irre?" fragte er und fügte hinzu: "Da habe ich wohl Glück gehabt. Ich wollte schon wieder weggehen. Ich bin nämlich aus Langsbach."
So begann dieses Gespräch, und einige Zeit später sagte der Melker: "Sie wissen wohl nicht, was sie von mir verlangen, Herr. Ich habe hier die Herde uffgebaut. Von früh um dreie bis spät abends habe ich tagtäglich daran gearbeitet. An so was hängt man, Sie. Außerdem hat für mich alles keinen Zweck mehr. Sie haben mir im Spital meine Tochter verhunzt."
Eisenkolb traf Ramm im Stall. Der war gerade dabei, Sägespäne auszustreuen. "Was soll's denn werden?" fragte der
Instrukteur. Seit einiger Zeit war das Interesse für Kuhställe in ihm erwacht.
"'ne Bakterienfalle." Ramm bemerkte nicht ohne Befriedigung das verdutzte Gesicht seines Besuchers. Er zog seinen
"Genossenschaftsbauern" aus der Tasche und erläuterte Eisenkolb anhand einer selbstgefertigten Skizze, wie der
Bazillus Bang an den Füßen der Pfleger von den Stallgängen in die Futtergänge gelangt. "Wohin du auch gehst, immer
mußt du hier den Verbindungsgang betreten", erklärte Ramm. "Jetzt streue ich hier Sägespäne und bespritze sie mit
einer Desinfektionslösung." Eisenkolb nickte anerkennend. "Ich will dir noch zu deinem schnellen Erfolg gratulieren,
Heinrich."
"Zu welchem Erfolg denn?"
"Nun, zu dem schnellen Durchbruch unseres Prinzips 'Jedem nach seiner Leistung', den du errungen hast."
"Nennst du das einen Erfolg?"
Eisenkolb stieß den Genossen in die Seite. "Mensch, Heinrich, tu nicht so. Hast dich eines unserer wichtigsten
Erziehungsmittel bedient, wie ein erfahrener Praktiker."
Ramm schüttelte betrübt den Kopf. "Weißt du, warum ich das getan habe? Weil ich mir von diesem 'Menschen' nicht
die Haut abziehen lassen will. Weil es mich ankotzt, zu sehen, wie ein 'Mensch' mangels äußerer Ziehmittel an sich
selbst verreckt."
Eisenkolb sträubte sich das Haar. "Sag mal, verachtest du die Menschen?" fragte er interessiert.
Ramm schüttelte den Kopf. "Menschen kann man nicht verachten, nur sehe ich hier keine." Er griff sich an die Stirn
und schüttelte den Kopf. "Seit ich von der Bahn weg bin, wird das immer schlimmer mit mir." Er kniff die Lippen zusammen
und sah betreten zur Seite.
"Ja, aber dann bist du doch gar kein Kommunist, Heinrich!"
"Ich?" fragte Ramm verwundert und seine Miene verdüsterte sich. "Ja, bist du denn einer? Erziehst die Menschen mit
'Mitteln', bringst Prinzipien zur Anwendung, läßt Gesetzmäßigkeiten wirken, wie in der unbelebten Natur. Und welche
Einstellung erreichst du dabei? Ohne Preis kein Fleiß! Wir stellen alles auf den Kopf. Jaja, ich bediene mich
auch dieser Mittel, aber ich kann's eben nicht, ohne dabei den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Denn was ist das?
Dressur, nichts weiter. Ich mache meine Stalltür auf, und schon tropft meinen Kühen der Speichel aus dem Maul. Sie
wissen, daß sie was zu fressen kriegen. So ist das."
Eisenkolb schielte nachdenklich zur Stalldecke. Endlich sagte: "Du vergißt, was vorher war. Der Kapitalismus hat die
Menschen verdorben. Sie wissen doch meistens nicht, was sie tun.“
Ramm erhob sich ächzend und trat ans Stallfenster. Dort lag in der Fensternische seine Brottasche. Er entnahm ihr
einen gewöhnlichen Skizzenblock. "Du hast gut reden, denn du malst nicht", sagte er vorwurfsvoll. Er zeigte dem
Instrukteur ein paar flüchtig hingeworfene Studien von Gesichtern, wie sie um die Mittagszeit vor seinem Stallfenster
auftauchten.
"Solange man sie nicht zeichnen muß, mag man sich mit Argumenten zufrieden geben. Aber sieh selbst, wenn das Menschen
sind, warum machen sie dann alle solche Gesichter? Warum sitzt ihnen dann allen etwas in den Augen, in den
Mundwinkeln, über der Nase, ums Kinn, wogegen sich mein Bleistift sträubt? Warum dann dieses Arge, Listige,
Verschlagene, Hämische, Höhnische, Fade, Freche, Dumme, Brutale, Gemeine, Erlogene, Gierige und Lauernde in den
Gesichtern?" Ramm atmete heftig. Seine Stimme klang verzweifelt. "Ich höre das Wort, ich habe den Klang im Ohr:
Mensch, das klingt so stolz, edel, klug, großmütig, hochherzig, stark und gut. Und dann mache ich die Augen auf
– geh, Hans, was kniest du andauernd auf mir herum. Was willst du überhaupt von mir?"
Ernst Pflock hatte sowohl Eisenkolb bei Ramm im Stall als auch Lenz bei Weigand in der Wohnung verschwinden sehen.
Er folgte seinem Gefühl und blieb vor Weigands Wohnungstür stehen. Dort bemühte er sich, eine Zigarette anzurauchen.
Das Feuerzeug wollte und wollte nicht zünden.
Während er sich damit herumschlug, vernahm er die Stimme des Langsbacher Vorsitzenden. "Gewiß", hörte Pflock ihn sagen,
"welch ein Melker trennt sich gern von seiner Herde, die er aufgebaut hat. Und noch dazu das Unglück mit der Tochter."
"Gehen wir in die Stube", unterbrach ihn Weigand.
Pflock stapfte ärgerlich weiter.
Im LPG-Büro angekommen, sagte er zum Buchhalter: "Ich habe was läuten hören. In Langsbach wollen sie das Vieh
vergenossenschaftlichen."
Salinski arbeitete an irgendeiner Tabelle, denn er benutzte den Tabulator seiner Schreibmaschine. Es gab immer
nur wenige Anschläge. "Hab auch davon gehört", brummte er.
"Kannst du nicht einen Augenblick mit dem Geklapper einhalten? Die haben doch gar keinen Stall."
"Ich hab zu tun", antwortete Salinski unwillig.
"Hast du nichts Näheres gehört?" bohrte Pflock weiter.
"Es heißt, sie wollen die untere Etage des Herrenhauses als Kuhstall ausbauen."
Pflock, der eben an seiner Zigarette saugen wollte, ließ das sein. Entgeistert schaute er Salinski an. "Ich werd verrückt",
stieß er hervor. "Mann, die ist doch unterkellert! Und eine Freitreppe führt auch vorne rauf."
Salinski hob die Schultern. Seine Maschine klackerte.
Mit den Worten: "Wir haben doch nicht mehr Anno sechsundvierzig!" stürmte Pflock heraus. Er raste mit dem Motorrad
ins Dorf und drang beim Bürgermeister ein.
"Der Lenz ist da!" rief er schon in der Tür.
Bürgermeister Dörfler griff ihm an den Kopf und stellte fest: "Die Temperatur ist aber normal."
"Der Lenz aus Langsbach ist da, er ist bei meinem Melker", wiederholte der Vorsitzende kurzatmig, als habe er
die Strecke vom Genossenschaftshof bis ins Dorf zu Fuß durcheilt. "In Langsbach wollen sie das Vieh
vergenossenschaftlichen, weißt du das?"
Dörfler nickte gelassen.
"Und du hast mir nichts davon gesagt? Und du schlägst nicht dazwischen?"
"Ich weiß gar nicht, was du willst. Das Gutshaus gehört der Genossenschaft, nicht der Gemeinde." Dörfler nickte
zufrieden. "Jaja, Ernst. So stirbt der Staat ab. Man merkt das erst, wenn man eine Sorge weniger hat."
"Und wenn die Unfug machen?"
Dörfler hob überlegen die Schultern. "Über das Aussehen ihres Dorfes bestimmt die Genossenschaft, Ernstel."
Pflock betupfte sich mit dem Taschentuch die Stirn. Dann schrie er unbeherrscht auf: "Weißt du, was los ist? Sie sind
drauf und dran, mir meinen Melker abzuwerben."
Dörfler machte eine abwehrende Geste.
Pflock brüllte weiter: "Was, zum Donnerwetter, ist denn in euch gefahren? Denkt ihr denn, ich weiß nicht, was gespielt
wird? Alles tanzt um Langsbach wie ums goldene Kalb. Was wird aus der zentralen Gemeinde Kurzbach? Wo ist der
Perspektivplan? Ich will ihn sehen! Wo sucht denn der Gemeinderat seine Kräfte? Was nimmst du denn für einen
Einfluß auf Kurzbacher Ratsmitglieder? Das sind doch alles Einzelbauern. Die lassen sich auf einmal von der
Langsbacher Minderheit glatt überfahren. Die sind imstande und verschieben das politische Schwergewicht nach Langsbach,
nur, um noch eine Weile Ruhe zu haben vor der Entwicklung."
Pflock holte gewaltig Luft und änderte die Tonart. "Dörfler, ich kenne mich nicht mehr aus", sagte er schwach. "Vor
noch nicht einem Jahr wurde unsere Genossenschaft als ein Zentrum der Entwicklung im Kreis angesehen. Wo sind wir auf
einmal hingekommen? Dabei geht es doch voran! Sollen wir zusehen, wie uns sogar die Langsbacher, die wir aus den
Windeln gehoben haben, in den Sack stecken? Jetzt werben sie bereits um unsere Melker!"
Pflock zog sich einen Stuhl heran und setzte sich. Er schlug mit der kurzen fleischigen Hand auf die Tischplatte
und fragte resolut: "Also, wie ist die Perspektive? Oder wird hier alles dem Selbstlauf überlassen? Ich beantrage
zu diesem Thema eine Ratssitzung! Als Vorsitzender des größten Produktionsbetriebes der Gemeinde verlange ich,
zu dieser Frage gehört zu werden."
Der Bürgermeister, ein Mann in mittleren Jahren, mittelgroß, mittelblond, unauffällig, konnte schon auf eine
beachtliche Zahl Amtsperioden zurückblicken. Noch nie war er vom Kreisrat gerügt, noch nie belobigt worden.
In sämtlichen Tabellen des Kreises war seine Gemeinde auf einem der mittleren Plätze zu finden. Nie war seine
Amtstätigkeit durch größere Erschütterungen gefährdet worden. Bis auf die jüngste Zeit. Nachdem Heinrich Ramm
die Genossenschaft gegründet hatte und diese nicht so recht vorankommen wollte, hatte er den unklugen Gedanken
gehabt, zum erstenmal stärker für eine der verschiedenen im Umlauf befindlichen Theorien zu fechten. Er war für
die Wiederauflösung der wirtschaftsschwachen Genossenschaften eingetreten, eine Erwägung, die in jener Zeit ja
häufiger auftauchte. Die Sache war natürlich schiefgegangen. Eisenkolb hatte ihn, den Unauffälligen, ins Rampenlicht
einer öffentlichen Parteiversammlung gerückt.
Seitdem fühlte sich Dörfler nicht mehr behaglich in seinem Gemeindestuhl. Er merkte, wie ihm etwas über den Kopf wuchs.
Er wurde das Gefühl einer bevorstehenden Katastrophe nicht mehr los. Pflocks Vorhersage eines Zustandes, wo es gar
keine Einzelbauern mehr geben würde, konnte sein Geist nicht fassen. Nun wurde in Langsbach schon der Anfang gemacht.
Dörfler bekam es mit der Angst zu tun. Wenn schon Bewegungen größeren Ausmaßes nicht zu vermeiden waren, sollte man
doch alles versuchen, sie in Grenzen zu halten oder, wie in diesem Falle, zu teilen. Da in Friedrich Lenz ein
zielstrebiger Mann wiedererstanden war und Dörfler sich an dessen frühere Aktivität in dieser Richtung erinnerte,
schien ihm die Gelegenheit günstig, den ganzen Ortsteil Langsbach von der Zentralgemeinde abzustoßen und somit
ein Maximum an möglicher Ruhe zu gewinnen.
Deshalb zog er bei Pflocks Forderungen eine recht säuerliche Miene. Doch plötzlich erlebte er, wonach ihn Eisenkolb
einmal gefragt hatte. In seinem Kopf ging die Geburt einer Idee vor sich. Dörfler war sich dieses Vorgangs vollauf
bewußt und hielt sogar, den Blick leicht nach innen gekehrt, einen Augenblick lang den Atem an.
Einen Perspektivplan wollte er also haben, der Pflock. Gut, er sollte ihn bekommen. Aber der Perspektivplan, den
er vorlegen und vom Gemeinderat beschließen lassen wird, noch ehe Pflock es sich träumen läßt, wird die Gemeinde
Langsbach nicht mehr in seinem Kalkül haben. Dörfler war sich seines Planes fast sicher. Die Langsbacher wie auch
die Einzelbauern von Kurzbach, im Rat ohnehin die Mehrzahl, würden dafür stimmen.
In dieser kurzen Besinnungspause gewann Pflock seine Beherrschung zurück. Sein ganzes Wesen war abwartend,
fast nüchtern; wenn schon einmal das Gefühl mit ihm durchging, schämte er sich hinterher.
Jetzt ballte er seine kurzen, dicken Finger zu einer nicht unbeachtlichen Faust und diktierte: "Der Schwerpunkt
bleibt in Kurzbach. Die ganze Genossenschaft Langsbach wird eine selbständige Brigade von uns."
Er streckte seine Beine unterm Bürgermeistertisch aus. "Wir bauen ein Rinderzuchtkombinat. Wir bauen es den
Langsbachern direkt vor die Nase - auf dem Land des Republikflüchtigen Fröhlich." Er lachte kurz auf. "Das dachte
ich mir nämlich damals schon, als sie mir die Parzelle abschwatzen wollten. Wenn der Stall fertig sein wird, können
sie das Land samt den Gebäuden haben. Sie brauchen bloß einzuziehen, mit ihrer und unserer Herde. Dann ist die
Rinderzucht konzentriert, und wir sind diese Sorgen ein für allemal los." Jetzt landete die Faust auf dem Tisch.
"Zum Teufel mit seinem Gutshaus! Mag sich Lenz das einsauen, aber beim Neubau wird nicht gekleckert." Er beugte
sich vor und sah Dörfler ins Gesicht. "In kürzester Frist will ich den Perspektivplan sehen. Eben habe ich
meine Vorschläge dazu skizziert. Wir wollen den Kurzbacher Ratsherren ein Licht aufstecken, damit sie erkennen,
wo die Zukunft der Gemeinde liegt."
Pflock zog die Beine unterm Tisch hervor und stand auf. "Und jetzt werde ich Friedemann Lenz Bescheid stoßen."
Lenz war jedoch schon fertig. Weigand fütterte neben Ramm friedlich seine Kühe.
Eine Weile stand der Vorsitzende unschlüssig da und sah den beiden Männern bei ihrer Arbeit zu. Weigand
schaffte ohne jede Hast. Ramm dagegen schwitzte. Er trug das Futter in einem großen Korb zu den Tieren.
Vorsichtig, um keine Kuh zu verletzen, ließ er den Korb herunter und verteilte den Inhalt geduldig an die
schnaubenden und stoßenden Kühe, ohne ein eiziges Mal zu schreien.
Pflock entfernte sich langsam und rieb sich bedächtig das Genick.